Liebe Gemeinde,

in Thessaloniki herrscht Tumult! Endzeitstimmung hat die kleine christliche Gemeinde ergriffen, die der Apostel Paulus erst kurz zuvor gegründet hatte.

„Wenn der Gekreuzigte und Auferstandene bald wiederkommt, um die Welt endgültig zu erlösen“, so fragen einige, „warum sollen wir bis dahin noch unserem Alltag nachgehen? Warum sollen wir jeden Tag so verbringen wie bisher – wenn doch ohnehin bald alles zu Ende ist?“

Aber die Parusie – die Wiederkunft Christi – auf die einige in Thessaloniki so sehnsüchtig warten, verzögert sich Tag um Tag. Immer wieder geht die Sonne aufs Neue auf und am Abend wieder unter, ohne dass Christus erschienen wäre – bis heute!

Als hätte der Apostel Paulus geahnt, wie lange die Parusie dauern würde, schreibt er einen inständigen Brief nach Thessaloniki und bitte die Gemeinde: „Brüder und Schwestern, bringt diejenigen zur Vernunft, die ihre geregelte Arbeit aufgeben!“

Denn ihm geht es nicht darum, sich auf die Zeit vorzubereiten, wenn alles zu Ende ist. Ihm geht es darum, das Hier und Jetzt zu gestalten – vielleicht ja sogar so, dass die Wiederkunft Christi gar nicht mehr nötig wird!

Aber wie soll das gehen? In seinem Brief nach Thessaloniki macht Paulus Vorschläge, wie ein Leben aussehen könnte, dass dem, was Gott für uns vorgesehen hat, entspricht:

„Steht den Ängstlichen bei“, schreibt er: „helft den Unsicheren; habt Geduld mit allen; reagiert auf Böses nicht mit Bösem; bemüht euch, einander immer nur Gutes zu tun; freut euch immerzu; betet unablässig und dankt Gott für alles! Denn das ist es, was Gott von euch will und was er durch Jesus Christus möglich gemacht hat.“

Welch‘ eine wunderschöne Welt würde entstehen, wenn Paulus‘ Worte Wirklichkeit würden, wenn wir helfen würden, wo Hilfe gebraucht wird, wenn wir Geduld hätten mit allen, wenn wir Böses nicht mit Bösem vergelten würden, sondern immerzu Gutes täten …

Doch so schön diese Vorstellung ist, so schwer lässt sie sich verwirklichen. Nicht, weil wir nicht wollten, sondern weil wir oft nicht können: weil wir selbst ängstlich sind, selbst ungeduldig, weil wir oft auf einen Bösen Kommentar mit einem noch böserem antworten, statt darüberzustehen; weil wir es oft nicht schaffen, für das zu danken, was wir haben, sondern immerzu an das denken, was wir nicht haben, die anderen aber vielleicht.

Und doch hält Paulus diese neue Welt für möglich. Aber nicht, weil wir irgendwann so gut, so stark wären, sie zu schaffen – sondern weil Christus es möglich gemacht.

Aber wie hat er das gemacht? Indem er uns ein neues Fundament gegeben hat; indem er unserem alten Lebensgrund einen neuen hinzugefügt hat, indem er unseren alten Lebensgrund neu eingefasst und eine neue Tiefe gegeben hat.

Vielleicht können wir uns diesen neuen Lebensgrund am besten vor Augen führen, wenn wir uns unseren alten Lebensgrund wie einen Glasboden vorstellen. Richten wir den Blick nach unten, ist da nicht viel mehr als eine dünne Schicht, in der wir uns selbst widerspiegeln mit unseren oft ängstlichen Wünschen und Hoffnungen, unseren Stärken und Kompetenzen.

Christus – so stellt es sich Paulus vor – hat unter unseren Glasboden noch einen weiteren Boden eingezogen – einen Boden, der nicht mehr von uns selbst abhängt - wie gut, wie stark, wie mutig wir sind, ob wir uns selbst vertrauen oder dem hässlichen Getuschel der anderen. Christus hat uns einen Boden bereitet, der uns trägt in allen schönen und - was vielleicht noch wichtiger ist – in allen schweren Momenten: Wenn alle eine zwei im Vokabeltest haben – nur ich eine fünf. Wenn alle mit Eleganz über den Bock hüpfen – nur ich dagegen knalle. Wenn alle in der Startelf stehen – nur ich auf der Bank sitze.

Dieser Boden trägt uns, weil er nicht davon abhängt, was wir können und vermögen, sondern allein, was wir sind: Menschen, die von Gott ins Leben gerufen sind und die allesamt den gleichen Wunsch haben: Dieses eine Leben, das wir haben, in Würde und Liebe zu verbringen. Deswegen hat dieser Boden auch die Kraft, uns wieder aufzuhelfen, wenn wir straucheln – weil er uns niemals ins Bodenlose fallen lässt, sondern weil Gott uns hält, und wir vor ihm und von ihm immer neu mit Selbstachtung und Mut zum Leben beschenkt werden.

Als wir gestern mit den Konfis zusammensaßen und uns auf den Gottesdienst heute vorbereiteten, haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie solch ein Leben, ein wirklich gutes Leben, aussehen könnte. In einem ersten Kreis lagen Begriffe wie: Geld, tolle Geschenke, gute Noten, sportlich sein, viel daddeln, anerkannt sein.

„Alles gut und schön“, sagten die Konfis – „vor allem anerkannt sein“ – aber das ist alles nichts, was am Ende das Leben so richtig schön macht.

Dann haben wir das Lied gehört, das die Konfis eben gesungen haben: „Siehst du denn das genauso“ von den Sportfreunden Stiller  – und haben Worte und Sätze aus dem Lied in einen weiteren Kreis gelegt: Menschen Lachen zu sehen;  Vertrauen; Gelassenheit; in den Himmel schauen; ein guter Freund; neuer Mut; ein freundlicher Blick.

„Das kann man alles nicht kaufen, nicht machen, was in diesem zweiten Kreis liegt“, sagte jemand; „Das sind ja alles kleine Dinge – die aber eigentlich die ganz großen Dinge sind.“

Die kleinen Dinge sind eigentlich die ganz großen: Wann haben Sie, wann habt ihr das letzte Mal einfach nur dagestanden und in den Himmel geschaut – und gesehen, gefühlt, erlebt, was es heißt, ein Teil dieser Welt, dieses Kosmos, dieser Schöpfung zu sein – so klein und doch unendlich kostbar. Wann haben Sie, wann habt ihr das letzte Mal einem Freund gesagt: Egal, was passiert, wir beide schaffen das! Die kleinen Dinge sind oft die ganz großen!

Und das wichtigste ist, ist vielleicht das allerkleinste und gleichzeitig das allergrößte. In dem Lied der Sportfreunde heißt es: „Ginge es nach mir, sollten wir ….“ Nicht ich! Und auch nicht Du! Sondern wir! Wenn es um das wirklich Wichtige im Leben geht, geht es nicht mehr nur um einen alleine, sondern immer um uns!

„Prüft alles“, schreibt Paulus in seinem Brief nach Thessaloniki, „prüft alles – und das Gute behaltet!“ Denn das Gute ist der wirkliche Grund, der uns immer wieder aufhilft; der es vermag, gegen alle Widerstände und vielleicht auch gegen alle gut gemeinten Ratschläge wieder und wieder zu versuchen, eine solche Welt zu schaffen, dass Gott im Himmel denkt: „Wieso soll ich denn überhaupt noch wiederkommen, wenn es den Menschen gelingt, die Welt genauso so zu gestalten, wie ich es mir immer gewünscht habe?!“

Amen